Kassian Goëss-Enzenberg

CCO Repaq und Nachfolger Weingut Manincor

Kassian wird als Jüngster von drei Kindern in Südtirol in die Unternehmerfamilie hinter dem renommierten Weingut MANINCOR geboren. Mit 18 entscheidet er sich dafür, das Familienunternehmen weiterzuführen – aber noch nicht sofort. Denn erst möchte er lernen. Im Betrieb, in Unternehmen, in komplett anderen Feldern, die ihn ebenso faszinieren, um so mit geballtem, breitgefächertem Wissen mit 30 in das Weingut einzusteigen.
Auf dieser Reise hat er bereits verschiedene Stationen hinter sich: Praktika bei einem Fassbinder und in einer Bank, eine Ausbildung in Betriebswirtschaftslehre, dann über ein Psychologiestudium bis hin zu seiner heutigen Rolle als CCO des Startups Repaq, das plastikfreie und komplett kompostierbare Verpackungen herstellt.
Mit diesem bisherigen beruflichen Werdegang vereint Kassian eindrucksvoll alle Themen, für die er brennt: Biodynamische Landwirtschaft, die Menschen hinter Mitarbeitenden und eine nachhaltige, plastikfreie Zukunft. Wie er all das in drei Jahren dann sein Familienunternehmen einbringen möchte, was ihn sonst noch antreibt, und was er aus der Vorarbeit seiner Eltern gelernt hat, erzählt er uns im Interview.

Kassian, Du hast Dich mit 18 Jahren schon dafür entschieden, das Weingut Deiner Eltern weiterzuführen. Heute bist Du 27. Wieso übernimmst Du erst in drei Jahren?

Unsere Familie ist schon seit 400 Jahren in Berührung mit Wein, aber mein Vater gründete in meinem Geburtsjahr erst das Weingut das den Wein selbst keltert und als eigenes Endprodukt auf den Markt bringt. Ich glaube, der Wunsch meiner Eltern war schon, dass es im Familiennamen weitergeführt wird, aber sie haben es uns Kindern offengelassen. Als ich 18 geworden bin, haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass ich unser Weingut mal übernehmen werde.
Ich habe aber so viele Themen, die mich interessieren, dass ich vorher noch andere Stationen machen wollte.

Kannst Du uns einen Einblick geben? Welche Themen sind Dir besonders wichtig?

Ich bin ein sehr zukunftsorientierter Mensch und würde sagen dabei ging es mir neben der Landwirtschaft auch um Wirtschaftssysteme und Soziales.

Das hieß für mich unter anderem mein Psychologiestudium, was ja auf den ersten Blick etwas ganz anderes ist als die Landwirtschaft. Aber ich finde, das hängt alles zusammen. In meinem Studium habe ich zum einen gelernt, wie Menschen an sich funktionieren, und mir damit ein bisschen Menschenmarketing angeeignet.

Glaubst Du, dass Dein Psychologiestudium Dir helfen wird, eine gute Führungskraft zu werden?

Als Geschäftsführer hat man immer mit Menschen zu tun. Zum einen muss man aus seinem Team das Beste rausholen, zum anderen muss man Kunden gewinnen. Wenn man sich selbst und andere besser verstehen kann, hat man doch schon einen Mehrwert gewonnen. Deswegen habe ich Psychologie studiert, ich wollte möglichst viel mitnehmen und es hat mich schon immer sehr interessiert, warum wir so denken, wie wir denken.

Und wie steht es bei Euch in der Landwirtschaft, gute Mitarbeitende zu finden?

Der Großteil der Mitarbeitenden im Betrieb ist einheimisch und glücklicherweise gelingt es uns, Menschen für uns zu gewinnen und auch lange zu halten. Es gab tatsächlich mal einen Mitarbeiter, der 74 Jahre bei uns im Weingut gearbeitet hat.
Ich glaube, das Wichtigste ist ein herzlicher Umgang unter Menschen, nicht nur von Führungsebene zu Mitarbeitenden, sondern auch bei ihnen untereinander. Eine Balance zwischen klaren Strukturen und Vorgaben, aber mit einer gewissen Flexibilität und einem weichen Gemüt. So kann eine echte Betriebsfamilie entstehen.

Wie schaffst Du es, eine Balance zwischen alt und neu finden?

Ich habe das große Glück, dass meine Eltern schon sehr viel richtig gemacht haben. Das macht es mir einfacher, weniger verändern zu wollen und zu müssen. Innovation ist bei uns großgeschrieben. Meine Eltern haben sich bereits 2005 dazu entschlossen, auf biodynamische Landwirtschaft umzustellen. Damals sind sie auf viel Kritik gestoßen, heute sind die Leute davon eher beeindruckt. Genau darum geht es doch: Möglichst weit in die Zukunft zu blicken und dann in kleinen Schritten zu planen.

Ich glaube, dass die Technik sehr hilfreich sein wird. Maschinelles Arbeiten in der Landwirtschaft wird dazu führen, dass wir Menschen uns wieder auf das Ganzheitliche fokussieren können, eine Brücke zu schlagen zwischen Quantität und Qualität, zwischen Natur und Kultivieren.

In der Biodynamik geht es darum, natürliche Kreisläufe zu unterstützen und für sich zu nutzen und nicht ständig dagegenzuwirken, was konventionelle Landwirtschaft viel macht, was aber nicht nachhaltig ist. Ganzheitlichkeit möchte ich vertiefen: vielseitig denken, Ungewöhnliches miteinander verbinden, Synergien finden und dadurch tatsächliche Nachhaltigkeit zu leben.

Welches neue Wissen möchtest Du zum Beispiel in das bestehende Weingut einbringen?

Eigentlich habe ich auf allen meinen Stationen immer versucht, schnell viel aufzuschnappen und mitzunehmen.
Ich habe meinen aktuellen Fokus im Thema Plastik gefunden. Die Natur liegt mir als Landwirt besonders am Herzen, weshalb mich Plastik sehr stört. Ich bin zurzeit in dem Startup Repaq tätig, das kompostierbare Verpackungsmaterialien herstellt, welche erdölbasierte Plastikfolien ersetzen und nach dem Produktschutz wieder zu wertvollen Humus zersetzt werden können. Humus statt Plastikmüll. So schließt sich der Kreis und die Folienverpackung landet auf unserem Kompost und nährt unsere Reben. Wer ernten will, muss der Natur auch wieder etwas zurückgeben.

Außerdem arbeiten wir im Weingut heute schon ohne den Einsatz von Pestiziden, aber setzen zum Beispiel Schwefel für die Bekämpfung von Pilzkrankheiten ein. Ich möchte gerne in Zukunft noch mehr die natürlichen Synergien zwischen Pflanzen selbst nutzen. So kann man möglicherweise mediterrane Kräuter anpflanzen, die als natürliche Schädlingsabwehr fungieren.

In solchen Alternativen sehe ich für die regenerative Landwirtschaft viel Potenzial und ich möchte diese Ideen in meine zukünftige Berufung im Weingut einbringen.

Das klingt sehr spannend, aber auch nach einer herausfordernden Aufgabe. Was treibt Dich an?

Auch, wenn das vielleicht blöd klingt: Meine tägliche Motivation ist es, die Welt ein Stückchen besser zu machen. Zumindest in dem Rahmen, in dem es mir möglich ist. Die ganze Welt kann ich vielleicht nicht bewegen, aber schon sehr viel mehr als andere Menschen. Und in meiner Welt will ich meine Visionen in die Tat umsetzen und Pionier und Vorreiter sein. Und ich glaube, dass die Landwirtschaft für viele Veränderungen ein großer Hebel sein kann.

Stell Dir vor, wir sind im Jahr 2044, welchen Themen sind dann relevant und was wünscht Du Dir für die Zukunft?

Ich bin davon überzeugt, dass eine pflanzlich basierte Ernährung immer mehr in den Fokus rückt und das Thema Energie noch wichtiger wird. Wir müssen es schaffen, mittel- bis langfristig eine dezentrale Energieversorgung zu entwickeln, die zu 100% auf erneuerbaren Energien basieren kann. Vielleicht haben wir das dann schon erreicht. Und, ein Herzensthema von mir ist die Bildung. Auch hier sehe ich den Trend sehr stark, dass nicht nur klassische Fächer wie Mathematik, Sprachen und Naturwissenschaften gelehrt werden, sondern auch andere Themen, wie Ethik, Innovation, Kreativität, psychische und physische Gesundheit und Landwirtschaft.

Ich wünsche mir eine Welt, in der Natur und Mensch wieder mehr zusammenwachsen, die Gemeinschaft gestärkt wird und wir alle wieder mehr Zeit haben, um uns wesentlichen Aufgaben zu widmen.

Vielen Dank, Kassian, für das spannende Interview! Wir wünschen Dir viel Erfolg bei allen weiteren Stationen, die da noch kommen mögen.

Weitere Weiterdenker:innen

Rosalie Dorn

Leitung Finanzbuchhaltung, Controlling und Nachhaltigkeit bei der Rapunzel Naturkost GmbH

Alina Heurich

Geschäftsführerin der Heurich GmbH & Co. KG

Dr. Thomas Funke

Gründer und Co-CEO der Tomorrow University

Esther Straub

Geschäftsführerin Brauerei Härle